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GERMAN NEWSPAPER REVIEWS NEW ORDER'S HISTORY

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Tote leben länger

Als Popmusiker alt zu werden, ist schwierig. Als Popmusiker jung zu bleiben, eine Aufgabe für Titanen - für die Musiker von New Order zum Beispiel


Von Ulf Poschardt

Wer glaubt, man sei immer so jung, wie man sich fühlt, sollte sich nicht in der Welt des Pop aufhalten. Pop meint neben Kraft, Schönheit und Genialität, faltenlose Haut, Unschuld, Ungestüm, Verschwendung, Unvernunft. All das, was Jugend bezaubernd und unerträglich zugleich macht. Im neuen Video von New Order tobt eine Hand voll junger Männer, maximal zwanzig Jahre alt, pubertär, fast ein wenig ungelenk in ihrer Begeisterung über die Bühne mit dem riesigen Computer-Screen im Hintergrund. T-Shirts und Frisuren, Körperbau und Habitus harmonieren mit dem drangvollen Spiel der Gitarren, dem muskulösen Hämmern der Drums, dem zarten Jubel des Gesangs. Gegen Ende des Songs "Crystal" stürmen Teenager die Bühne und entreißen der Band Mikrofon und Instrumente. Teenage Riot - das große Versprechen der Popmusik, die romantischste Illusion seit 50 Jahren.
Wer Illusion sagt, meint eigentlich Lüge. Die Musiker von New Order sind mittlerweile alle Mitte vierzig und haben es nicht geschafft zu sterben, bevor sie alt wurden - so wie das The Who in den 60er-Jahren für ihre Generation gefordert haben. Sie leben, trotz Drogen und Alkoholexzessen, trotz Bankrott ihrer Plattenfirma Factory, trotz des Todes ihres Managers und vor allem trotz des Selbstmordes von Ian Curtis. Der war Sänger der Band vor New Order, die unter dem anrüchigen Namen Joy Division Pop-, mehr wohl Kulturgeschichte schrieb. Viele halten sie für die beste und bedeutendste, verstörendste und tiefgründigste Popband aller Zeiten. Nicht zuletzt wegen des sagenumwobenen Todes von Ian Curtis 1980, der sein Testament in Form eines Abschiedssongs hinterließ: Love will tear us apart, zu Deutsch, die Liebe wird uns auseinander reißen. Der Suizid hatte die Mitmusiker geschockt, aber der Wille, das Vermächtnis von Curtis, dessen düstere, verletzliche Romantik im Gewand von verführerischer Popmusik weiterzutragen, war stärker. Es musste weitergehen, aber anders: New Order, ein neuer Befehl war gefragt.

Zunächst klang New Order wie Joy Division: sinister und voller Todessehnsucht. 1983 hatte die Depression als Stilform nach Aussagen der Musiker die Band fast ruiniert. Aus der Einsicht in die eigene Ausweglosigkeit folgte die Notwendigkeit des Wandels. Die Metamorphose gelang: Die Trauerarbeit wurde eingestellt und überlebte als zarte Melancholie, welche die Vitalität und Süße der neuen Popsongs inwändig stärkte. "Blue Monday" wurde 1983 weltweit ein Hit, obwohl der Song den Montag nach dem Selbstmord von Curtis beschrieb. Bis heute bleibt die Platte die meistverkaufte Maxisingle aller Zeiten (drei Millionen Exemplare): ein Stück zeitloser Eleganz und modernistischer Klarheit. Seither sind New Order Legende - Popstars und immer schon klassisch, dem normalen Popbetrieb in Verehrung entrückt.

Die neue LP heißt "Get Ready!" und wendet sich als Aufruf auch an diejenigen, die in der Wiege lagen, als New Order schon Popstars waren. wie die Doubles im Video. Ohne den kategorischen Imperativ der Popmusik nach ewiger Jugend zurückzunehmen, wird die Lüge als Kommunikationsmittel des Pop bemüht. Die Simulation als Teenieband lässt die Musik als das erscheinen, was sie ist: ewig jung geblieben, strotzend vor Energie und Übermut und dennoch - das zeigen die unpassenden Posen der Videoknaben - das Reifewerk dreier Männer, die ihre Kinder liebevoll erziehen und Drogen- und Alkoholkonsum in erträglichen Bahnen gelenkt haben. Die Platte bilanziert gelebtes Leben, ist Dokument dessen Spannung, sich unsentimental prüfend, dabei ungewiss bis in die letzte Fiber. "Als Schauspieler, als Schriftsteller oder klassischer Musiker kann man ,reif' werden, aber in der Popmusik erwartet man von dir, abzuhauen", erklärt Drummer Stephen Morris. "Ageism": das gnadenlose Altersdogma dieser Kunstform. Popmusiker, die dies ignorieren und schamlos auf der Bühne alt werden, sind indiskutabel.

Dann lieber falsche Fährten legen wie im Video. New Order verneigen sich vor dem Dogma, auch wo es irrt wie in ihrem Fall. Doch nur Pionieren ist es vergönnt, unnostalgisch alt zu werden, sich weiterhin mit den Jungen zu messen, ohne dabei in die Jahre gekommen zu erscheinen. Ähnlich wie bei Kraftwerk verkörpern die alten Stücke digitale Gegenwart. "Blue Monday" ist als Meisterwerk aus der Zeit gefallen und bleibt so von der Korrosion der Geschichte befreit. Dass New Order selbst historisch geworden ist, merken die Musiker nicht nur an Falten und grauen Haaren, sondern auch an den vielen Büchern und CD-Boxen, die ihre Geschichte archivieren. Im Herbst kommt ein Film in die Kinos, der die Anfänge der Musikszene in Manchester nacherzählt: mit Joy Division und New Order in den Hauptrollen. Der Besuch auf dem Set verwirrte Sänger Bernard Sumner: "Es war ein bisschen so, als wäre man tot. Du siehst auf einmal den Typen, der aussieht wie Ian Curtis. Du schüttelst ihm die Hand. All die Leute, die tot sind, waren wieder am Leben und wir mittendrin." Der Besuch bei den Doubles der Vergangenheit ist schlüssiger Gegenpol zu den Doubles im Video - Film wie Video erzählen so eine Parabel von der Unvergänglichkeit großer Künstler: Dort, wo man Legende geworden ist, lebt man als Rekonstruktion, dort, wo man als Legende weiterleben will, braucht man eine Projektion. Zwischen Rekonstruktion und Projektion leben die Musiker nahezu unsichtbar. Auch auf ihrem Plattencover sind sie nicht zu sehen. Da steht die 29-jährige, deutsche Schauspielerin Nicolette Krebitz und hält eine Videokamera vors Gesicht. Sie filmt den Fotografen Jürgen Teller, der ebenfalls unsichtbar bleibt. Der Dialog der beiden aufeinander gerichteten Objektive erinnert an ein Duell. Die Musiker haben diese Form der Auseinandersetzung aufgegeben: Sie entdecken aufs Neue, das Glück Musiker zu sein. Die muss man hören, nicht sehen. Ganz altmodisch gedacht.

Thanks to: Berti