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"Stagnation? Schon." Besprechung in der jungen Welt

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junge Welt vom 18.04.2005

Feuilleton Stagnation? Schon. Supergruppen links von der Mitte, aber nur eine Superplatte: Die neuen Werke von Daft Punk und New Order Marek Lantz

Der Begriff der Supergroup hatte seine Hochkonjunktur in den siebziger Jahren. Yes, Abba, Fleetwood Mac oder Queen beispielsweise. Damalige Kennzeichen: Bestehend aus einer Ansammlung individualisierter Musiker-Persönlichkeiten mit globalem Bekanntheitsgrad, ausgestattet mit der Zuschreibung einer fundierten musikhandwerklichen Kompetenz, drei bis fünf Hitsingles pro Album. Funktionieren konnten solche Supergroups nur in einer Popwelt, die noch weitgehend als zusammenhängend wahrgenommen wurde. Die in den Neunzigern vollzogene Segmentierung von Märkten und Musikstilen stand erst bevor. U2 wäre heute vielleicht die einzige Band, der sich ansatzweise ein solcher Status bescheinigen läßt.

Lächerlich und gemeinsam

Während Individual-Popstars wie Madonna hinsichtlich ihres Stellenwerts in der globalen Pop-Ökonomie noch am ehesten die Tradition der Supergroups fortschreiben, kommt anderen ein derartiger Status zumindest innerhalb eines Genresegments zu. Der einst wegweisende französische Techno/Electronica-Act Daft Punk und die englische Indie-Legende New Order beispielsweise. Beide haben kürzlich ihr neues Album veröffentlicht. Zwei Produktionszusammenhänge, die zwar nicht unbedingt viel gemeinsam haben, aber deren Musik in den letzten Jahren zumindest im weiteren Sinne ein Referenzpunkt für Leute war, die noch wenigstens irgend etwas in ihrem Leben anders als die meisten anderen machen wollten. Irgendwie Pop links von der Mitte, auch wenn das der lächerliche letzte gemeinsame Nenner ist.

Hier Thomas Bangalter und Guy-Manuel de Homem-Christo, die späten Techno-Wunderkinder, die Mitte der Neunziger mit »Da Funk« Techno wieder das Rocken lehrten, mit ihrem großartigen 1997er Debütalbum »Homework« French House begründeten und seither zur ersten Riege des Genres gehören. Wenn Daft Punk etwas veröffentlichen, wird das als Aussage zum aktuellen State of the Art der Popkultur gelesen, nicht als bloßes Dancefloorfutter. Dennoch verweigern die beiden hartnäckig den feuilletongerechten Medien-Auftritt und beharren auf der ursprünglichen Geste der Techno-Kultur, die Kommunikationsverweigerung hieß: Keine Fotos, keine PR. Wir tragen sowieso Masken, nur die Musik zählt.

Dort New Order, die klassische Band. Vier Mittvierziger, allesamt wenig aufregende Gymnasiallehrerexistenzen, die – anfangs noch als Joy Division – seit der 1977er Punkexplosion Musik machen. Mit »Blue Monday« 1983 die erste verkaufsträchtige Maxi der Musikgeschichte abgeliefert, schon Mitte der Achtziger als Indieband mit elektronischen Sounds gearbeitet, wurde es später ruhig um sie. 2002 dann »Crystal«. Ein Berg von einem Song, die aufgeklärte und von jeglicher genretypischen Schwanzfixiertheit freie Rockhymne schlechthin.

Emerson, Lake & Daft Punk

Zunächst Daft Punk: Hingerotzt würde »Human after all« wirken, sagen manche. Prog-Rock, Art-Rock sind die ersten Assoziationen. »Emerson, Lake and Daft Punk« – so ungefähr. »Robot Rock«, die Single, arbeitet mit einem einzigen Led-Zeppelin-Riff und exegiert das fünf Minuten durch. Charmant, aber dröge. Die französischen Kollegen Rhinocerose können das besser. Trotzdem sticht auf dieser Platte der unbedingte Wille zur Radikalität heraus. Alle Motive sind reduziert auf ihre Essenz. Bratzloops, die sich wahlweise dem Progrock annehmen oder pubertäre Späßken reißen. Am Vocoder haben Daft Punk nach wie vor großen Spaß. Daft Punk machen jetzt im Prinzip genau die Musik, gegen die sie einmal angetreten sind. Und halten, wohlwollend formuliert, der immer langweiligeren Techno-Kultur damit den Spiegel ihres eigenen ästhetischen Non-Dezisionismus vor. Kohle, Kommerz und das Bedienen aktueller Trends regeln nahezu alles. Allein der Gedanke, daß jemand andere Motive haben könnte, scheint inzwischen abwegig. Die verhaßte Haltung des altlinken Kulturkritiker-Opas – mehr fällt einem dazu nicht mehr ein. Verwaltete Dancefloorwelt allenthalben, Daft Punk geht so oder so darin unter.

Trivialität, volle Kraft voraus!

Unglaublich, wie frisch dagegen »Waiting for the Sirens’ Call« klingt. New Order sind einfach nur New Order, aber das reicht völlig. Sie machen genau da weiter, wo »Get ready« vor drei Jahren aufhörte. Stagnation? Schon. Aber immerhin wenigstens Stagnation. Man ist ja inzwischen leicht zufriedenzustellen. »Hey Joe«, der Opener, setzt gleich mal den Refrain auf ein schmuckes Streicherwölkchen, »I told you so« spielt mit waschechten Rave-Signalen, »Morning Night and Day« zitiert am Ende noch mal »Crystal«, und »Turn« ist ein phantastisch instrumentiertes Gitarrenpopepos geworden. Ein Song und eine Zeile überragen jedoch alles andere: »You and me just can’t go wrong« im größten Pop-Zucker dahingesungen, das rafft jeden dahin. »Guilt is a useless Emotion« heißt der Überflieger-Song. Dragostea 2005, aber mindestens – sonst verstehe ich die Welt nicht mehr.

Und über Bernard Summers Gabe, trivialste Zeilen voll suggestiver Kraft zu schreiben und auch noch an der richtigen Stelle zu plazieren, ließen sich ganze Universitätsseminare abhalten. Alles nur vages Irgendwie, aber genau deswegen ganz toll. Mit der alten New Wave-Combo XTC gesprochen: »This is Pop!«. Und zwar mitten in die Fresse rein. Ganz ohne wehzutun. Pop fürs neue Biedermeierzeitalter, na und!

* Daft Punk: »Human after all« (EMI), New Order: »Waiting for the Sirens’ Call« (Warner)


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eben auch noch gefunden... schickes Bandfoto auch :rofl:

http://www.in-your-face.de/review\_2680.htm

Wäre es angesichts der mittlerweile 25-jährigen Bandgeschichte von NEW ORDER und des damit einhergehenden Status nicht so unangebracht, Vergleiche zu anderen Combos herbei zu zitieren, ein Song wie „Hey Now What You Doing“ könnte glatt als Mischung aus REM, THE CURE und den PET SHOP BOYS umrissen werden. Sanft, traurig, episch angelegt und poppig. Die Gitarren, die auf dem Vorgänger-Album „Get Ready“ noch überraschend klar im Vordergrund standen, verbinden sich nun wieder mit tanzbarer Elektronik, die allerdings nur selten so dominant wird, wie in „Guilt Is A Useless-Emotion“ – mit seinem dick aufgetragenen Discokugel-Flair dem einzig fragwürdigen Stück dieser Platte. Etwas weniger Zuckerguss hätte es in diesem Falle auch getan. Egal. „Turn“ wischt die Sorgenfalten mit einer typischen Peter Hook-Basslinie und einschmeichelnd melancholischer Melodik wieder hinweg. Zwar ähneln sich die Songs vom Aufbau her ziemlich stark. Der Rhythmus verläuft durchgängig und die flächigen Keyboards klinken sich zwischendurch regelmäßig ein, um ein Gegengewicht zu den Achtel-Figuren von Gitarrenlinien und Tieftöner zu bilden.

Diese Formelhaftigkeit erzeugt allerdings keine Langeweile sondern ein angenehm gleichmäßiges Fließen, das durch geschickte Arrangements weitestgehend am Dahinplätschern gehindert wird und letzten Endes in der munter rockenden Fontäne „Working Overtime“ einen gelungenen Abschluss findet. Ein Meilenstein ist NEW ORDER mit „Waiting For The Siren’s Call“ nicht gelungen. Musikgeschichte haben die Herrschaften ja aber auch schon zur Genüge geschrieben. Und wer wollte angesichts von Schätzen wie dem Opener „Who’s Joe?“ ernsthaft nach mehr Innovation schreien oder nörgeln, weil sich die Band nicht neu erfunden hat, sondern sich damit begnügt, gute Songs aufzunehmen? Angebrachter ist freudiger Beifall für ein unaufgeregtes schönes Album.

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